Idee und Konzeption des Kunstprojekts

 

Vier Grundbegriffe

Das Kunstprojekt „Reformkiosk“ versteht die Reformation nicht als einmaliges historisches Ereignis, sondern als Anregung für eine immerwährende Neu-Ausrichtung der Menschen an die Zeit. Re-Formation, Wandel und Veränderung, wie sie Martin Luther für die mittelalterliche Kirche bewirkt hat, sind bleibende Herausforderungen auch im 21. Jahrhundert. Jede Zeit braucht neues Nachdenken über ihre geistigen Wurzeln, braucht Entwicklungen und Veränderungen.

„Wandel“ ist deshalb eine der vier reformatorischen Grundbegriffe, mit denen sich „Reformkiosk“ auseinandersetzt. Neben ihm stehen „Sinnsuche“, „Freiraum“ und „Begegnung“ als Erbe der Reformation, die für Kirche und Gesellschaft unverändert wichtig sind. Menschen suchen nach Sinn in ihrem Leben, müssen den ihnen gegebenen Freiraum gestalten und tun dies in der Begegnung und dem Zusammenleben mit ganz unterschiedlichen Menschen. Kirche als Gebäude und Sozialform ist dabei der Ort, in dem diese Begriffe verwurzelt sind, gelebt und in die Gesellschaft hinein vermittelt werden.

 

Drei Skulpturen

Durch die Verortung der vier reformatorischen Grundbegriffe im Kirchenraum ergeben sich drei Kunst- und Begegnungsorte in der Kirche und ihrer Umgebung: Das Tafelkreuz – ein Kreuz aus Tischen durch die Kirche nach außen, das einlädt zu Begegnung und Gespräch; das Podest am Kreuzungspunkt der Kirchenachsen, „Allerheiligstes“ und Ort für Standortbestimmung und Perspektivenwechsel; der blaue Reformkiosk im Stadtpark – Ort für Begegnung, Ausstellungen und Installationen. Die drei Orte sind soziale Skulpturen entsprechend dem erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys: Es ist Kunst, die auf eine Strukturierung und Formung der Gesellschaft ausgerichtet ist und menschliches Handeln mit einschließt.

Alle drei Orte sind deshalb Ausstellungsfläche, Spielorte und Begegnungsraum zugleich. Hier finden Kunstaktionen, Konzerte und Installationen statt, die BesucherInnen sind eingeladen, aktiv zu werden und „Wandel“, „Sinnsuche“, „Freiraum“ und „Begegnung“ selbst zu gestalten.

 

Wechselwirkung öffentlicher Raum - Kirche

Reformation fand nicht nur in der Kirche statt, die Bewegung der Reformation hatte historische und gesellschaftliche Bedeutung bis heute. Auch „Reformkiosk“ öffnet die Tore der Kirche und verlängert die Kreuzeslinien des Raums von innen nach außen. Das Tafelkreuz ragt in den Stadtpark hinein. Im Empfangsgarten, auf der Sichtachse zur Kirche steht der blaue Reformkiosk als Schauraum und Werkstatt. Spaziergänger und Besucherinnen sind eingeladen, selbst tätig zu werden, Fäden und Gedanken der Reformation für ihr eigenes Leben und unsere Zeit weiterzuspinnen und als Impuls in die Kirche zu tragen. Die Aktionen innerhalb der Kirche und im blauen Reformkiosk sind aufeinander bezogen und stehen in Wechselwirkung zueinander.

 

Idee und Team

Im Sommer 2015 hat der Arbeitskreis „Kunst und Kirche“ eine Künstlergruppe aus Fürth beauftragt, einen Kunstbeitrag zum Reformationsjahr zu entwickeln. Im darauffolgenden Jahr entstand in Auseinandersetzung mit dem Grundgedanken der Reformation das interaktive Kunstprojekt „Reformkiosk“, das nun von März – Oktober 2017 in und um die Auferstehungskirche zu sehen sein wird.

 

Künstler/innen: Christian Fritsche, Johanna Klose, Petra Schleifenheimer/ Roland Glaser

Arbeitskreis Kunst und Kirche: Inge Erdmannsdörfer, Michael Herrschel, Gabriele Krämer, KMD Sirka Schwartz-Uppendieck, Christa Seifert, Pfarrerin Irene Stooß-Heinzel, Sabine Thumer, Pfarrer Wolfgang Vieweg

 

 

Sinnsuche

Luthers Suche nach dem gnädigen Gott war der Motor der Reformation. Seine Berufung auf sein Gewissen und die Bibel gaben ihm die Kraft, sich gegen Papst und Kaiser zu behaupten. Unverändert suchen Menschen auch heute nach Sinn und einem Halt im Leben – und finden vielfältige Antworten darauf.

Der „Reformkiosk“ stellt die Frage nach sinngebenden Werten unserer Zeit, nach „heiligen“ Erinnerungen und Objekten, die Sinn stiften. Er regt an zu eigener Sinnsuche im Kirchenraum – Ort von Spiritualität und Raum für Tiefe und Begegnung mit Gott.

Aktionen zu Sinnsuche: „Offene Altäre – Heilige Schätze“ 30.04.-04.06.; „Perspektivenwechsel – nächtliche Kirchenführung“ 12.05.; „Glaube – Liebe – Hoffnung“ 24.09.- 30.10. u.a.

 

Wandel

Martin Luther wollte eine Reform der Kirche und hat die Reformation eingeleitet. Die von ihm ausgelöste Bewegung brachte eine tiefgreifende Veränderung der alten Ordnungen.

Veränderungen und Wandel, z.B. in Familie und Gesellschaft, sind bleibende Herausforderungen unserer Zeit. Sie bieten die Chance zu Weiterentwicklung und Erneuerung, lösen aber auch Verunsicherungen und Ängste aus.

„Reformkiosk“ lädt ein, Veränderung als Chance wahrzunehmen und sich mit Veränderungsprozessen an der eigenen Person, in Kirche und Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Aktionen zu Wandel: “Le vase préféré“ 12.03.-17.04., “Der Männer Lust und Freude sein“ 12.05.-15.07, „L’envol“ 16.07.-17.09.; „Aus den Wolken Brot backen“ 22.07.-14.10.

 

Begegnung

Martin Luther entwarf die Idee einer „demokratischen“ Kirche, einer Gemeinschaft der Glaubenden getragen vom Priestertum aller Gläubigen. Auch heute will Kirche Ort von Gemeinschaft und Begegnung auf Augenhöhe sein, ein Gegenpol zu gegenwärtigen Tendenzen von Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung.

Der „Reformkiosk“ ermöglicht Begegnung – im blauen Reformkiosk im Stadtpark oder dem punktuell aufgebauten Tafelkreuz. Kirche und Gesellschaft, KünstlerInnen und BesucherInnen, Kirchennahe und Kirchenfremde, Menschen unterschiedlicher Generationen und Kulturen nehmen einander wahr, tauschen Ideen aus, kommen ins Gespräch.

Aktionen zu Begegnung: Blauer Kiosk im Stadtpark - wechselnde Kunstaktionen 05.03. – 31.10.; Tafelkreuz - Tischabendmahl (13.04.) und Dîner en couleur (23.09.); Essen wie zu Luthers Zeiten 22.10. u.a.

 

Freiraum

Mit der Reformation begann die Neuzeit mit ihren sich öffnenden Freiräumen für Menschen. Förderalismus und Demokratie entwickelten sich und mit ihnen die Herausforderung, das eigene Leben selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu gestalten.

Wir leben in einer Zeit größtmöglicher Freiheit, die immer auch gefährdet ist durch Gleichgültigkeit, Missbrauch oder Terror.

Der „Reformkiosk“ ist interaktiv angelegt, er thematisiert Freiheit für mich und andere und bietet Räume zum Mitmachen und eigener Gestaltung.

Aktionen: „Hier stehe ich“ 05.03.-25.03.; „HandArbeit“ 25.03.-25.04.; Schüler-Poetry-Slam“ 04.05. u.a.

 

 

Im Gemeindebrief erläutert Pfarrerin Irene Stooß-Heinzel das Kunstprojekt:

Woran denken Künstler, wenn sie sich mit der Reformation beschäftigen? An Freiraum und Wandel, an Sinnsuche und Begegnung – so jedenfalls kristallisierte es sich für das Kunstteam heraus, das der Arbeitskreis „Kunst und Kirche“ im Herbst 2015 eingeladen hatte, um ein gemeinsames Projekt im Reformationsjahr zu entwickeln.

Vier Kunstschaffende, Petra Annemarie Schleifenheimer und ihr Mann Roland Glaser, Johanna Klose und der Galerist Christian Fritsche, waren bereit, sich intensiv mit dem Thema Reformation auseinanderzusetzen. Reformation, so ihre Überzeugung, sei kein rein historisches Ereignis, Reformation gibt und braucht es auch heute noch, innerhalb und außerhalb der Kirche. Auch heute noch sind Menschen auf der Suche nach Sinn und Orientierung, erleben und erleiden Veränderungen und sich öffnende Freiräume und begegnen dabei bekannten und unbekannten Menschen. Auch für Kunstschaffende ist das eine Herausforderung und Grund genug, kreativ zu werden, künstlerische Impulse zu setzen und Gedankenanstöße zu geben.

Welche Kunst aber soll es sein? Kunst, die Re-formation als Wandel und Veränderung ernst nimmt, den Kirchenraum mit einbezieht, diesen selbst verändert und die Kirchentüren öffnet bis in den Stadtpark hinein. Wer also ab Anfang März die Auferstehungskirche betritt, trifft auf einen neu gestalteten Kirchenraum.

In der Mitte wurde Freiraum geschaffen für ein großes, künstlerisch gestaltetes Podest mit zwei Ebenen. Hier im Mittelpunkt der Kirche kreuzen sich die Linien von außen nach innen, vom Altar in die Stadt, vom Stadtpark in die Kirche und wieder hinaus. Wie das Allerheiligste im Tempel schafft das verhüllte Podest Raum, um nach innen zu gehen und bietet gleichzeitig eine Plattform, um seinen Standpunkt zu vertreten oder die Kirche aus ganz neuer Perspektive zu betrachten. In und auf dem Podest wird es den ganzen Sommer über Aktionen geben, verschiedene Konzerte, Ausstellungen und Lesungen. Auch das Tafelkreuz, Tischreihen vom Inneren der Kirche bis in den Stadtpark hinein, zieht Linien von innen nach außen, verbindet Kirche und öffentlichen Raum und lädt ein, sich zu begegnen, miteinander zu feiern und zu essen.

Und im Stadtpark, auf der Sichtachse zur Auferstehungskirche, ist der blaue Kiosk aufgebaut, ein Schau- und Aktionsraum für Ausstellungen und Installationen, immer wieder auch Werkstatt und Begegnungsmöglichkeit.

Eröffnet wird „ReformKiosk“ im Gottesdienst am 5. März. Alle Aktionen finden Sie auch auf unserer homepage.